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Zehn Frechheiten, die Selfpublisher unterlassen sollten

Veröffentlicht von Redaktion am 24. Januar 2013 @ 13:14 in E-Books,Literarisches Leben,Literatur online,Schreiben,Self-Publishing | 35 Kommentare

Sonderpreis?Von Xander Morus – Wir sollten anfangen, die Sache ernst zu nehmen. Gemeinsam mit anderen Autoren habe ich gesammelt, was uns in den letzten Monaten extrem negativ aufgefallen ist: was nicht sein muss, wo der Leser verarscht wird, wo ein Goldgräber den Ruf aller Selfpublisher beschädigt, wo Dollarzeichen in den Augen den Blick auf die Moral und die Qualität trüben – im Prinzip all das, was schäbig ist und nur uns allen schadet.

Es wird niemand beim Namen genannt, sollten Sie sich angesprochen fühlen, dann wird es seinen Grund haben.

[1] Zwei Prozent. Das ist der Marktanteil, den E-Books 2012 am gesamten Buchhandel hatten. Das klingt wenig, und es ist auch wenig. Aber wenn man sich die Zahlen einiger Selfpublisher vor Augen hält, kann man sich ungefähr vorstellen, was wir erreichen können, wenn der Marktanteil weiterwächst. Und das wird er tun. Ich habe in diesem Dezember doppelt so viel eingenommen wie im Dezember des Jahres zuvor. Und trotzdem war ich enttäuscht, denn wir [2] hatten uns alle etwas mehr versprochen. Noch mehr.

Wenn man seine Erfolge verdoppelt, aber trotzdem [3] unzufrieden ist, fängt man an, in einen Bereich zu kommen, den man landläufig als Hybris beschreibt. Es ist also tatsächlich an der Zeit, etwas Bescheidenheit an den Tag zu legen und sich zu vergegenwärtigen, dass die nächsten Jahre für unabhängige Autoren großartig werden könnten.

Hier sind sie also: Die zehn ärgerlichsten Frechheiten, die Selfpublisher unterlassen sollten.

Platz 10 – Bücher-Spaming

Endlich ist das Buch fertig, endlich ist die Konvertierung erledigt, ein Cover ist [4] zusammengeschustert und eine Genre-Schublade gefunden. Jetzt schnell das Buch hochladen und dann mit der Promotion beginnen. Die da lautet: »e-book forum« bei Google eingeben und dann in jedem Forum auf das eigene Buch aufmerksam machen. »Hey Leute! Jetzt endlich raus: mein neuer Vampirthriller! Freu mich über jeden Leser. Bussi!« Und sich dann schnell aus dem Staub machen und nie wieder im Forum blicken lassen.

Bitte nicht! Posten Sie Ihre Ergüsse nur in Foren, in denen Sie einigermaßen etabliert sind. Alles andere ist digitale Nötigung.

Platz 9 – Pimp my book

»Ich schreibe einen Thriller! Großartige Idee … Aber [6] Mann, das Schreiben ist echt nervig. Hab jetzt schon zwanzig Seiten und bin eigentlich durch … Naja. Die Idee ist auf jeden Fall gut.« Wie es scheint, denkt so der ein oder andere Selbstverleger. Wie rettet man sich nur aus dieser kniffeligen Lage? Das Wunder der Formatierung hilft: Der »Roman« wird mit Leerzeilen und unnötigen Zeilenumbrüchen auf Länge getrimmt. Zwischen Dialogen ist immer eine Zeile frei, weil der automatische Zeilenumbruch aktiviert ist. Absätze werden großzügig einsetzt. Frei nach dem Motto: Wie wenig Wörter passen auf eine Seite, damit sie dennoch voll erscheint?

Die Inhaltsbeschreibung fällt nebulös aus und könnte auch für einen Tolstoi reichen. Und da es ein Thriller ist, denkt sowieso jeder, es sei ein langes Buch. Und schon wird der Leser vorsätzlich getäuscht. Bitte in Zukunft klar kennzeichnen, wie lang ein Text ist. Die Gattungen dafür können sein: Kurzgeschichte, Novelle, Roman. Thriller ist keine Gattung, sondern ein Genre.

Platz 8 – Trittbrettfahrer-Marketing

Anstatt einen eigenen Coverstil und aussagekräftigen Titel zu entwickeln, schaut der hoffnungsvolle Selfpublisher – der ja auch immer Unternehmer ist – zuerst, was sich denn gerade gut verkauft. Und das wird fleißig imitiert, auch wenn es mit den vermeintlichen Hits, außer dem Wunsch, ein Hit zu sein, nichts zu tun hat. Simon Becketts Ein-Wort-Titel und Minimalcover werden nahezu identisch kopiert. Thriller mit Messern und roten Spritzern gekennzeichnet. Frauenromane mit lustigen Comicfiguren, die mit Bananen oder Blüten jonglieren. Alles soll nur eins suggerieren: Ein Buch im Stil von (hier Wunsch-Bestseller einsetzen)! Es ist die ausgelutschte Strategie, mit der Verlage seit Jahren auf Modewellen mitreiten. Hier wird der Leser für dumm verkauft. Selfpublisher sollten sich nicht unbedingt die halbseidenen Marketing-Tricks der Verlage zum Vorbild nehmen. Seien Sie fair zum Leser und behandeln Sie ihn nicht als Idioten, sondern als Kunden.

Platz 7 – Der Rezi-Nazi

Schnell erkennt der Selfpublisher die wahre Währung unter den Autoren: den Status der Rezension. Und so entwickelt man sich automatisch zum eifrigen Blockwart in eigener Sache. Eine beleidigte Rechtfertigung unter die kritische Rezension ist schnell in die Tasten gehackt und schon hat man den Leser in die Schranken gewiesen. Tatsächlich wirkt das aber dünnhäutig und kritikresistent.

Sollte man eine unvorteilhafte Rezension kassieren, empfiehlt es sich zuerst, Ruhe zu bewahren. Denken Sie ein paar Mal darüber nach, bevor Sie den Rezensenten angehen oder sogar andere auf ihn hetzen, die die Rezension schlecht machen. Ein Schriftsteller braucht keine Schergen, die für ihn eine Rezensions-Hygiene betreiben. Auch ist Ihre Waffe nicht die der Rezension, sondern die der guten Fiktion. Schreiben Sie andere Bücher nicht runter, nur weil Sie Ihnen Plätze in den Charts wegnehmen. So funktioniert nun mal das Buchgeschäft.

Platz 6 – Book-Cloning

Sie sind ein professioneller Vielschreiber und können einen Kurzroman in einer Woche verfassen? Damit schaffen Sie knapp fünfzig Romane im Jahr. Leider sind auch Ihre Ideen endlich … Und da ja irgendwie alles gleich klingt, kann man aus fünfzig Büchern auch hundert machen, indem man einfach nur die Namen der Protagonisten austauscht und ein bisschen die Orte der Handlung anders beschreibt. Noch hier und da eine neue Szene oder eine neue Figur und fertig ist der Klon. Aus eins mach zwei. Wer so vorgeht, verkauft auch seine Oma zum halben Preis. Versuchen Sie, wenigstens im Ansatz eine Schriftstellerehre zu entwickeln.

Platz 5 – Verkaufsargument Lektorat

Lektoriert?Ein Lektorat ist für viele Selfpublisher das noch unbekannte Wesen. Nun gut, so sei es. Wenn Sie von sich überzeugt und rechtschreibsicher sind, dann können Sie tatsächlich darauf verzichten. Möglicherweise bekommt man so einige pure Erzeugnisse zu sehen, die nicht in der Lektoratsmaschinerie abgeschliffen wurden und das meine ich nicht ironisch. Es gibt tatsächlich den Begriff Lektoratshölle. Was Sie aber nicht tun sollten, ist zu behaupten, das Buch habe ein Lektorat erhalten, wenn Ihre Tante eine Rechtschreibkorrektur vorgenommen hat. Zum einen gibt es einen Unterschied zwischen Lektorat und Korrektorat. Beides führt aber im Regelfall dazu, dass lektorierte und korrigierte Bücher kaum Fehler enthalten.

Ist Ihr Buch – von wem auch immer – lektoriert worden und wimmelt dennoch von Fehlern, über die sich die Leser beschweren, dann verzichten Sie bitte auf das moderne Verkaufsargument: Dieses Buch wurde lektoriert.

Im Prinzip ist die Angabe, dass ein Buch lektoriert wurde, überhaupt kein Verkaufsargument. Wenn Sie es trotzdem für nötig halten, darauf hinzuweisen, dann sorgen Sie bitte auch für ein professionelles Lektorat. Noch peinlicher ist folgende Einstellung: »Ich bin ja nur ein Selfpublisher, verlangt jetzt nicht noch ein Lektorat von mir. Aber ich danke Susi und Musi aus dem Wolkenschlossforum für die Korrekturen.« Unnötig zu sagen, dass man bei der Textdurchsicht nicht den Eindruck bekommt, dass Susi und Musi ihren Auftrag wirklich verstanden haben oder davon wissen.

Platz 4 – Vorsicht vor dem Rezi-Kumpel

Wer viel schreibt, braucht auch viele Leser. Und so kann man es sich nicht verkneifen, jeden Bekannten, ob neu oder alt, darauf hinzuweisen, dass man ein Buch geschrieben habe und es käuflich zu erwerben sei. Nein, man verlangt nicht zwingend, dass man es kauft – aber eine Rezension wäre schon schön. »Klar, mach ich«, sagt Ihr Kumpel, »wenn du mir noch einen Schnaps ausgibst.« Prost!

Aufgepasst: Der nette Typ vom [7] Stehimbiss, mit dem Sie hin und wieder ein Bier trinken, ist nicht unbedingt der geeignetste Rezensent für Ihr Buch. Auch wenn diese Rezension Sie nur ein Bier kostet. Verzichten Sie also darauf, jeden x-Beliebigen zu bitten, eine Besprechung für Ihr Buch zu schreiben: Das Ergebnis könnte nämlich so aussehen: »Hat mir sehr gut gefallen.spannend, sehr interessant. So das muss reichen ich kann und will nichts mehr schreiben …« (Originalrezension). So bewerben Sie sich für den Selfpublisher-Fail-Award.

Platz 3 – »Preissenkungen«

Langsam ist es nicht mehr lustig, und das Verhalten mancher Selfpublisher rutscht ab in absichtliche Täuschung: Preissenkungen sind [8] trotz Buchpreisbindung möglich, solange Sie Ihr Buch bei allen Händlern gleich reduzieren. Meistens sind diese wie folgt gekennzeichnet: »Jetzt nur 1 Cent. Nur für kurze Zeit.« Kurz ist allerdings kein relativer Begriff. Sie sollten sich daran halten, ein Buch auch wieder im Preis hochzusetzen. Drei Monate zu behaupten, das sei eine Preissenkung »nur für kurze Zeit«, ist glatt gelogen. Man spekuliert auf Schnäppchenjäger, die alles abgrasen und schnell weiterziehen. Und da diese meist auch keine Zeit haben zu lesen, weil sie so mit dem Sammeln beschäftigt sind, riskiert man auch keine negative Rezension. Ein schöner Doppelschlag, den man sich da ausgeknobelt hat, außer, dass es ein schlichter Betrug ist. Informieren Sie immer, wie lange der Preis gesenkt ist.

Platz 2 – Sparen, bis der Leser weint

Ein ehrlicher Ratschlag: Seien Sie nicht geizig, wenn es läuft. Sollten Sie einen kleinen Hit gelandet haben, die Leser sich aber über die Formatierung und einige Rechtschreibfehler beschweren, dann investieren Sie doch auch ein bisschen vom verdienten Geld in eine Textkorrektur und nicht nur in ein neues, noch reißerisches Cover. Es sollte ein persönliches Anliegen eines jeden Autoren und Verlegers sein, die Qualität seiner Texte stetig zu optimieren. Und gerade das E-Book bietet hier alle Möglichkeiten. Niemand erwartet von Selfpublishern Perfektionismus, aber ein aufrichtiges Interesse an der Qualität der Arbeit sollte schon da sein. Wer nur die Verpackung (das Cover) regelmäßig ändert, zeigt, dass es ihm nur um den schnellen Reibach geht. Denken Sie daran: Sie brauchen keine komplette Auflage einstampfen. Sie müssen einfach nur eine neue Datei hochladen. Es kostet nichts und die Leser werden es Ihnen danken.

Platz 1 – Bestechung

Platz 1 ist die perfideste Aktion, die dazu noch im Schafspelz daherkommt. Und deshalb hilft nur Empörung:

Hören Sie auf, die Leser zu bestechen!

Es sei denn, Sie unternehmen einen soziologischen Feldversuch. Bestechung bringt nur das Schlechteste im Menschen ans Licht. Am Ende Ihres Buches ein Gewinnspiel zu veranstalten, an dem jeder Rezensent teilnimmt, produziert heuchlerische Rezensionen, die auch noch ein schlechtes Licht auf die Leser werfen. Sind die Menschen wirklich so leicht käuflich, dass sie für die Aussicht auf einen 50-Euro-Gutschein, eine positive Rezension zusammenlügen? Es scheint so, wie einige Beispiele zeigen. Wenn Sie als Autor so vorgehen, fehlt Ihnen wirklich jedes Gewissen, und Sie handeln wie ein verzweifelter Politiker. Es ist nichts anderes als Stimmenkauf. Auch rechtlich begeben Sie sich in eine Grauzone, denn Gewinnspielteilnahmen dürfen nicht an einen Kauf gekoppelt sein. Hören Sie auf, beweisen zu wollen, wie verführbar Menschen sind.

Schreiben Sie lieber ein gutes Buch.

Xander Morus

 

[9] Sommer, Sonne & Tod : Ferien-Schocker von Isabell Schmitt-Egner und Xander MorusXander Morus ist das Pseudonym eines Universitätsangestellten aus Bayern. Er schreibt mit Vorliebe Horror-und Thrillergeschichten, liebt bayerisches Bier, H.P. Lovecraft und Youtube-Videos von alten Computerspielen.
Zuletzt erschien sein Buch »[9] Sommer, Sonne & Tod : Ferien-Schocker« (zusammen mit Isabell Schmitt-Egner.

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[1] Zwei Prozent: http://www.media-control.de/deutscher-e-book-markt-mit-grossen-zuwaechsen.html
[2] hatten uns alle etwas mehr versprochen: http://www.literaturcafe.de/jahresrueckblick-eines-selfpublishers-zeit-fuer-zahlen-fakten-und-geruec
hte-2012/

[3] unzufrieden ist: http://www.literaturcafe.de/e-book-autor-xander-morus-reichtumstraeume-sind-erst-mal-verschoben/
[4] zusammengeschustert: http://www.literaturcafe.de/buchumschlag-die-16-beliebtesten-gestaltungsfehler-von-selbstverlegern/
[5] Bild: http://www.literaturcafe.de/info/www/delivery/ck.php?n=lcec49bfc
[6] Mann: http://www.literaturcafe.de/mann-das-gibts-doch-nicht-oder-man-das-gibts-doch-nicht/
[7] Stehimbiss: https://www.youtube.com/watch?v=ECWoPwPK864
[8] trotz Buchpreisbindung möglich: http://www.literaturcafe.de/vorsicht-e-book-falle-preisbindungsgesetz-gilt-auch-fuer-selbstverleger/
[9] Bild: http://www.amazon.de/gp/product/B008WLY7EO/ref=as_li_ss_tl?ie=UTF8&camp=1638&creative=19454&
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