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Warum werde ich nicht veröffentlicht? Oder: Die Große Manuskriptverschickung – Teil 5
Veröffentlicht von Redaktion am 17. September 2010 @ 16:05 in Literarisches Leben,Schreiben,Zuschussverlage | Kommentare deaktiviert
Etwa eine halbe Million Menschen, so wird geschätzt, sitzen in den Wohnzimmern der Republik vor Laptops oder sogar Schreibmaschinen und verfassen »Romane«.
Ihre Qualifikation: Deutschunterricht.
Ihr Ansatz: autobiografisch.
Ihr Impetus: Schriftsteller werden, also vor allem reich und berühmt.
In einer fünfteiligen Serie analysiert der Autor [1] Tom Liehr schonungslos, warum diese Werke dennoch kein Verlag veröffentlicht.
Tom Liehr
Jahrgang 1962, Berliner, ist freier Schriftsteller. Im Aufbau Verlag sind seine Romane »Radio Nights« (2003), »Idiotentest« (2005), »Stellungswechsel« (2007), »Geisterfahrer« (2008) und »Pauschaltourist« (2009) erschienen. Bei Rütten & Loening sind »Sommerhit« (2011) und »Leichtmatrosen« (2013) erhältlich. Er hat zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht, darunter im »Playboy« und in der »ct«, außerdem Prominentenportraits im österreichischen Magazin »DATUM - Seiten der Zeit« und diverse Sachtexte zum Thema Schreiben im »Autorenkalender«. Er ist Mitbegründer des gemeinnützigen »42erAutoren - Verein zur Förderung der Literatur e.V.«, der u.a. den »Putlitzer Preis« auslobt und den »Autorenkalender« herausgibt und dessen Vorsitzender Liehr jahrelang war. Für eine enorm medienwirksame Aktion schufen die 42er im Sommer 2009 die fiktive Autorenperson »Rico Beutlich«, mit deren Hilfe sie sog. [2] Druckkostenzuschussverlagen erfolgreich auf den Zahn fühlten.
Links:
Autorensite:
[1] www.tomliehr.de
42erAutoren:
[3] www.42erAutoren.de
Romane:
[4] Radio Nights (2003)
[5] Idiotentest (2005)
[6] Stellungswechsel (2007)
[7] Geisterfahrer (2008)
[8] Pauschaltourist (2009)
[9] Sommerhit (2011, soeben als Taschenbuch)
[10] Leichtmatrosen (2013)
Es mag ketzerisch klingen, aber es mag überlegenswert sein: Erstens ist möglicherweise erforderlich, sich im Hinblick auf die zukünftige Verlagspartnerschaft auch wie ein Partner zu verhalten – sich also als solcher zu verstehen. Und zweitens, simpel, aber längst nicht von allen verinnerlicht: Schreiben ist zwar für viele eine Obsession, aber im Tagesgeschäft ist es eine Profession. »Schriftsteller« ist eine Berufsbezeichnung. Völlig egal, ob man nur alle vierzig Monate ein Buch zu veröffentlichen gedenkt oder im Jahrestakt – aus dem Kämmerlein-Schreiber wird der Zulieferer eines Verlags oder mehrerer Verlage, und das Schreiben endet keineswegs an dieser Stelle. Eigentlich beginnt es hier erst richtig. Das Produkt, das hierbei entsteht, ist längst nicht nur der Roman selbst. Die Marke, die sich schließlich definiert, setzt sich aus den Komponenten Roman – Autor – Verlag zusammen. Darauf wird auch verlagsseitig intensiv hingearbeitet. Der Lektor eines Publikumsverlags sagte im Rahmen eines Schreibseminars bei der Textmanufaktur einmal etwas überspitzt (sinngemäß): »Verlage verkaufen keine Bücher, sondern Autoren.« Wer sich Gedanken darüber macht, wie er als Leser Bücher auswählt, begreift das ziemlich schnell. Wir alle haben Lieblingsmusiker, Lieblingsmaler, Lieblingsschauspieler. Verlage entwickeln Lieblingsautoren! Denn deren Bücher werden gern gekauft.
Womit, zugegeben, sechzig bis achtzig Prozent der »Neuautoren« durchs Rost fallen, weil sie mehr oder weniger ihre eigenen Lebensgeschichten aufgeschrieben haben – One-Hit-Wonder, wenn sie denn überhaupt veröffentlicht werden, wofür die Chancen nur dann etwas höher sind, wenn diese Lebensgeschichten in jeder Hinsicht auch zu beeindrucken wissen. Die Pragmatiker, die an Gebrauchsliteratur arbeiten, mögen sich selbst im Hinblick darauf prüfen, ob sie das Zeug zum Lieblingsautor haben. Gibt es sprachlich, stilistisch und dramaturgisch Eigenständigkeit? Hebt sich das, was ich schreibe, tatsächlich vom Ausstoß der anderen ab? Wenn ich in drei Sätzen erklären sollte, was meine Schriftstellerpersönlichkeit ausmacht – gelingt das? Oder verreckt der Versuch nach dem einleitenden »Ich …«?
Es ist sehr bedauerlich, dass im Schnitt nur eines von tausend Manuskripten reüssiert. Abseits von Aspekten wie Marktsättigung, Qualität, Autorenimage, Thema, Genre usw. mag auch jener zutreffend sein, dass dieses eine Manuskript tatsächlich das einzige ist, dessen Veröffentlichung sich für einen Publikumsverlag lohnt. Und hierfür ist schlicht ausschlaggebend, ob die zu erwartende Leserschaft in die erwähnte Telefonzelle passt – oder ins Berliner Olympiastadion. Das sagt wenig über die Menschen in der Zelle oder im Stadion aus, sondern nur etwas über den Text: »Mainstream« ist – simpel, aber ergreifend – das, was die breite Masse will. Und Publikumsverlage versuchen eben, viele anzusprechen. Hat man diese einfache Wahrheit begriffen, versteht man auch, warum die Teilnahme an der GMV erfolglos bleibt. Anders gesagt: Viele schreiben durchaus sehr, sehr gut, aber die wenigsten schreiben publikumsverlagsreif. Wenn es mit der Identität als Künstler vereinbar ist und diese Zielsetzung – Veröffentlichung in einem großen Verlag – absolut gilt, lohnt der Versuch, genau das zu tun.
Abschließend. Angesichts der GMV-Gebirge gibt es – und hier gilt der Lotterievergleich wieder – auch eine sehr geringe statistische Wahrscheinlichkeit, »gefunden« zu werden. Selbst wenn man auf die richtige Art mit dem richtigen Text beim richtigen Verlag vorstellig wird, entgeht den Entscheidern möglicherweise die Perle, weil sie schlicht im Einerlei versinkt. Nicht nur deshalb sei jedem, der die Chance hat, angeraten, sich mit einer literarischen Agentur zusammenzutun. Agenturen sind nicht einfach nur Zwischenhändler, die Kontakt- und Vertragsabschlussarbeiten übernehmen und dafür fünfzehn Prozent von allem kassieren, sondern im Idealfall Partner, die Projekte vor der Manuskriptaussendung betreuen, gemeinsam mit dem Autor ein Profil entwickeln und die richtigen Leute in den richtigen Verlagen auf die richtige Art ansprechen – mit sehr viel höherer Effizienz und Erfolgswahrscheinlichkeit. Die Reputation dieser Branche hat sich während der letzten Jahre deutlich verbessert, und obwohl wir von amerikanischen Verhältnissen noch relativ weit entfernt sind, befinden wir uns doch auf dem Weg dorthin. Manuskripte, die von Agenturen angeboten werden, gelten als geprüft und vorgefiltert. Die Programmverantwortlichen und die Agenten kennen einander. Man meidet also nicht nur die Gefahr, angesichts des dräuenden Ruhms über den Tisch gezogen zu werden (was natürlich bei Publikumsverlagen nie geschieht!), sondern man erspart sich auch viel vergebliche Mühe.
Und übrigens. Lektoren sind Leser.
Hinweis: Kommentare zu dieser Serie können Sie [12] beim ersten Teil abgeben (auch zu Teil 2-5). So gestalten sich die Rückmeldungen etwas übersichtlicher.
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[1] Tom Liehr: http://www.tomliehr.de
[2] Druckkostenzuschussverlagen erfolgreich auf den Zahn fühlten: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,645279,00.html
[3] www.42erAutoren.de: http://www.pauschaltourist.com
[4] Radio Nights: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3746624371/ref=ase_wwwtomliehde-21/
[5] Idiotentest: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3746621836/ref=ase_wwwtomliehde-21
[6] Stellungswechsel: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3746623871/ref=ase_wwwtomliehde-21
[7] Geisterfahrer: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3746623820/ref=ase_wwwtomliehde-21
[8] Pauschaltourist: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3746625335/ref=ase_wwwtomliehde-21
[9] Sommerhit: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3352008140/ref=ase_wwwtomliehde-21
[10] Leichtmatrosen: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3352008531/ref=ase_wwwtomliehde-21
[11] Bild: http://www.literaturcafe.de/info/www/delivery/ck.php?n=lcec49bfc
[12] beim ersten Teil abgeben: http://www.literaturcafe.de/warum-werde-ich-nicht-veroeffentlicht-teil-1/#respond
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