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Textkritik: (ohne Titel) – Lyrik

Veröffentlicht von Redaktion am 16. Juli 2000 @ 09:22 in Textkritik | Kommentare deaktiviert

Dieser
winzige Wind
den die Wimpern ins Ohr tragen
wenn niemand [1] spricht.

Zittern
befiehlt der Hauch
den Händen unterm [2] Tisch

Wasser zu kühlen
die Hitze in den [3] roten Augen
die was sehen wollten
das nicht [4] ist

etwas
das aus der Tasche fiel
auf dem langen Weg nach Haus
das jetzt auf Wegen [5] liegt

der Glückliche
der es in der Sonne blinken sieht
und sicher [6] verstaut

oder fest in den Fäusten [7] hält.

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[8] Zusammenfassende Bewertung

Dieser
winzige Wind
den die Wimpern ins Ohr tragen
wenn niemand spricht

Zittern
befiehlt der Hauch
den Händen unter dem Tisch

Wasser
zu kühlen die Hitze
in den Augen

Endete das Gedicht hier, dürfte ich mich trauen, es ein Meisterwerk zu nennen. Ich würde allenfalls vorsichtig das vorschlagen, was ich gerade vorgeführt habe: nämlich die dritte Strophe – analog zu den anderen beiden – mit 1 Wort beginnen zu lassen.
Bedauerlicherweise folgen noch dreieinhalb Strophen – und die machen nur kaputt! Alles, was an Stimmung, an Gefühl, an denkbaren Situationen verdichtet war, wird hemmungslos breitgetrampelt. Eigentlich sind die letzten drei Strophen nämlich ebenfalls ein eigenes Gedicht, allerdings ein kitschlastiges:

etwas
fiel aus der Tasche
auf dem langen Weg nach Haus
das jetzt auf Wegen liegt

der Glückliche
der es in der Sonne blinken sieht
und sicher verstaut

oder fest in den Fäusten hält

Brauchen diese Verse die obigen als Einstimmung? Kommen die nicht prächtig allein zurecht? Wären sie nicht die Zierde einer jeden Ratgebergedichtsammlung für melancholische Stündchen, Beziehungskrisen oder Anfälle von Weltschmerz?
Um wie viel mehr kommen die ersten drei Strophen ohne diesen Wurmfortsatz aus: Sie hätten einen Platz verdient in anspruchsvolleren Lyrik-Sammlungen!

[10] Die Kritik im Einzelnen

[11] zurück
[12] zurück
Wird hier ein Wunsch nach Wasser ausgesprochen? Die erste Strophe war für mich ein Ausdruck ungläubigen Staunens, die zweite beinhaltet eine innere Unruhe; aber die dritte? Werden die brennenden Augen hervorgerufen durch eine Erinnerung? Dann könnte es ein Wunsch sein. Es ist aber auch möglich, dass eine Person weint: Wasser ist dann kein Wunsch, sondern Wasser kühlt bereits. Letzteres gefällt mir besser. Die Spannung würde sich so auch besser lösen in etwas Neuem.
Noch eine dritte Möglichkeit bietet sich an: der hauch befiehlt nicht nur »zittern«, er befiehlt auch »Wasser« – das würde mir noch mehr zusagen! Letztlich macht genau das den Reiz aus: alle drei Möglichkeiten, die ich jetzt genannt habe, sind denkbar, auch alle drei gleichzeitig. Das führt dazu, dass ich mir Gedanken mache, was in mir vorgeht, wenn ich mich an Trauriges erinnere. Dieses Gedicht schreibt mir gerade nicht vor, was ich empfinden soll: es ruft Empfindungen hervor. Und das macht es so wertvoll – bis hierher jedenfalls!
Frage: muss das Rot der Augen so betont sein? Hitze lässt doch ebenfalls an rot denken, vor allem im Zusammenhang mit Augen (siehe brennende Augen). Ich halte rot an dieser Stelle für verzichtbar. Es führt auch leicht in die Irre, denn Augen sind vom Reiben oder vor Müdigkeit oder vom Weinen rot. Rote Augen haben also durchaus eine bestimmte Bedeutung (wohingegen der winzige Wind etwas Neues ist! Hier bedeutet das Adjektiv etwas, bei den Augen beschreibt es nur). [13] zurück
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