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Textkritik: Der Einreisestempel oder Die Entdeckung der Langsamkeit – Prosa
Veröffentlicht von Redaktion am 11. Mai 2000 @ 11:16 in Textkritik | Kommentare deaktiviert
[1] ***
»Big problem!« wiederholt der Immigration Officer in Kathmandu zum zehnten Mal und schüttelt bedenklich den Kopf. Christine schaut verzweifelt drein, während Peter und ich den Officer freundlich anlächeln.
Begonnen hatte das »big problem« ganz harmlos am Flughafen von Kathmandu. Bei der Einreise gab es ein buntes Durcheinander mit Pässe vorzeigen, Geld umtauschen und Gepäck einsammeln. In diesem Trubel gelangten schließlich auch Christine und ich an die Passkontrolle, wo uns ein gelangweilter Beamte mit einer lässigen Handbewegung vorbei winkte. Da dies innerhalb Europas durchaus üblich ist, hatten wir uns auch nichts weiter dabei gedacht. So gesellten wir uns vor dem Flughafen zu unserer Reisegruppe und lernten unseren Reiseleiter Peter kennen.
Als wir zwei Tage später beim Abendessen zufällig auf das Thema »Einreise« zu sprechen kamen, wurde Peter, der eigentlich schwer zu schocken ist, blass vor [2] Schreck, als er hörte, dass Christine und ich keine Einreisestempel in unseren Pässen hatten. Ungläubig blätterte er sämtliche Seiten [3] unserer Pässe durch. Tatsächlich kein Stempel. Das war ihm noch nicht untergekommen, obwohl wir immerhin seine siebzigste Trekkinggruppe in Nepal waren. Noch am selben Abend brachte er unsere Flugtickets und Pässe zu S.T.S. (Sherpa Trekking Service), der Agentur, mit der unsere Reisegesellschaft zusammenarbeitete. S.T.S. wurde gebeten, das Problem für uns zu lösen.
Am nächsten Abend musste Peter uns mitteilen, dass S.T.S. keinen Erfolg gehabt hatte. Obwohl Condor sogar die Passagierliste unseres Fluges zur Verfügung gestellt hatte, sei der Mitarbeiter von S.T.S. im Immigration Office abgekanzelt worden, [4] für was für eine armselige Agentur er eigentlich arbeite, die illegal Eingereiste als Kunden habe. Die müssten sich schon selber sehen lassen.
Während sich der Rest unserer Reisegruppe am nächsten Morgen schon auf den Weg in die Königsstadt Patan machte, warteten Peter, Christine und ich auf unser Taxi, das uns zunächst zu S.T.S. fuhr. Dort bekamen wir unsere Pässe und Flugtickets wieder und ein Mitarbeiter von S.T.S. begleitete uns zum Immigration Office. Auf dem Weg gab es letzte Instruktionen: Peter ist nicht unser Reiseleiter, sondern nur ein Mitglied der Reisegruppe, das Englisch spricht, während Christine und ich kaum ein Wort davon verstehen. So [5] sollte Peter die bevorstehende Diskussion alleine führen können und die Frage der Arbeitserlaubnis würde nicht aufgeworfen werden.
Nun stehen wir also im Immigration Office. In dem Büro sitzen an einem Tisch an der Seite zwei Männer und trinken Kaffee. Ein weiterer sitzt vor einem Tisch, der mit Papieren bedeckt ist. In einem Regal stapelt sich Papier in Kartons und Plastiktüten. Das Büro ist wohl gerade umgezogen? Hinter einer Trennwand sitzt jemand halb versteckt und blättert in einer Zeitung. Der mit den Papieren schaut schließlich fragend auf. Peter erklärt ihm, dass wir eine Bestätigung bräuchten, dass wir am 05.2.99 nach Nepal eingereist seien, und reicht ihm unsere Reisepässe.
»Why?« fragt der Officer unbeeindruckt.
Peter erklärt, dass der Officer am Flughafen uns einfach durchgewunken habe.
»Why?« kommt es wieder von gegenüber.
»[6] Wenn wir das wüssten…«, versucht Peter ihm deutlich zu machen.
»Big problem!« kommentiert der Officer.
Eben, und darum benötigen [7] wir den Stempel, erklärt Peter geduldig.
»Both?«
»Both.« bestätige ich. Mist, da ist die Zunge mit mir durchgegangen. Ich verstehe ja kein Englisch. Peter ruft mich auch gleich mit einem strengen Blick zur Ordnung.
Ja, beide seien wir durch die Passkontrolle nach Aufforderung des Beamten gegangen, reißt Peter das Gespräch wieder an sich.
»Why?«
Weil wir wohlerzogene Frauen sind, die tun, was ein Beamter ihnen sagt, kontert Peter und reicht ihm unsere Flugtickets und die Passagierliste von Condor.
»Big problem.«
Darauf lächelt Peter ihn einfach zuversichtlich an. Ich [8] lächel – eher fragend, zaghaft ebenfalls. Christine schaut lieber Peter als den Officer an.
»Big problem.«
Der Officer betrachtet sämtliche Stempel und Visa in unseren Pässen. Daraufhin fragt er Peter nach dem Ausreisestempel aus Deutschland. Peter antwortet, dass wir so etwas nicht bräuchten.
»Why?«
Weil wir ein freies Land mit freien Bürgern [9] sind, wo jeder reisen darf, wohin er will, meint Peter. Bitte, Peter, bring’ ihn nicht zur Weißglut, denke ich nur.
Schließlich gibt der Officer nach und reicht uns das erforderliche Antragsformular, das wir nun ausfüllen sollen. Da es zur Komödie dazu gehört, übersetzt Peter Feld für Feld und sagt, was wir reinschreiben sollen.
Peter reicht die ausgefüllten Formulare an den Officer, der nochmals fragt, warum wir keinen Stempel hätten. Etliche »Why«’s und »Big problems« später bittet der Officer um zwei Passfotos. Christine hat keines dabei und flitzt nach draußen, wo ein Fotograf sein soll. In Rekordzeit ist sie mit vier Fotos wieder da. Der Officer nimmt die Fotos, betrachtet sie eingehend, nimmt die Reisepässe, studiert sie sorgfältig, nimmt die Formulare und studiert sie ebenfalls sehr genau.
»Big problem.«
Peter und ich lächeln weiter und Christine platzt der Kragen: »Wie könnt ihr nur die ganze Zeit so überlegen grinsen!«
Peter erklärt ruhig, dass er nicht überlegen grinse, sondern zuversichtlich, um dem Officer zu vermitteln, dass er davon ausgehe, dass hier alles mit rechten Dingen zugehe. [10] Das ganze Spiel habe den Zweck, uns zu veranlassen, dem Officer ein Bakschisch anzubieten. Das komme aber nicht in Frage.
Ich sage lieber gar nichts, bevor mir im falschen Moment [11] wieder etwas heraus rutscht.
Der Officer hat uns interessiert beobachtet und meint schließlich, er müsse den Fall nun seinem Chef vortragen, da er nicht selbst in so einer brisanten Sache entscheiden könne. Langsam scheint Bewegung in die [12] Sache zu kommen. Oder doch nicht?
Der Officer bewegt sich nicht. Auf Peters Frage erklärt er, sein Chef sei jetzt nicht da. Klasse Aussichten!
[13] Nach einiger Zeit schaut er auf seine Uhr. Jetzt bestünde vielleicht die Möglichkeit, den Chef zu fragen. Der Officer verlässt das Zimmer. Kurz darauf kommt er wieder und verkündet: »Boss very busy.«
Nachdem er wiederholt um die Ecke geschaut hat und versichert [14] hat »Boss very busy«, strahlt uns der Officer an und fragt: »Do you have time?« Der Zusatz »Ich könnte mit etwas Anreiz das Verfahren beschleunigen« bleibt unausgesprochen, [15] aber dennoch deutlich im Raume stehen.
Klar, wir haben alle Zeit der Welt, zerstört Peter seine Hoffnungen.
Endlich scheint der Officer zu seinem Chef zu dürfen. Wir müssen draußen warten. [16] Bald geht die Tür wieder auf; wir werden hinein [17] gewunken.
[18] Wir betreten einen großen Raum mit Teppichboden, in dem nur ein einziger großer Schreibtisch steht. Dahinter sitzt selbstbewusst der »Boss«, im gut sitzenden Anzug, wohlgenährt. Daneben steht »unser« Officer schmal, mit hängenden [19] Schultern. Die Rollen sind [20] hier klar verteilt. Zackig stellt der Boss seine [21] Fragen: Was wollen wir? Warum haben wir keine Einreisestempel? Was soll Peter hier?
Nepalesische Beamte machen keine Fehler, stellt er fest.
Mit diesem Herrn ist offensichtlich nicht zu spaßen. Das Lächeln ist uns schnell vergangen. Peter erklärt nochmals ernst, was passiert ist und verweist auf die Flugtickets und die Passagierliste von Condor. Ich schaue lieber nur noch fragend Peter an, weil ich fürchte, dass der »Boss« sonst an meinen Blicken erkennt, dass ich jedes Wort verstehe. Der »Boss« greift zum Telefonhörer, bellt etwas hinein und legt wieder auf. Kurz darauf klingelt das Telefon. Ein kurzer Wortwechsel auf Nepalesisch und der »Boss« legt wieder auf. Er fragt noch [22] mal, warum Peter mit ist und was er in Nepal will. Peter erläutert noch mal unsere »Sprachprobleme« und seine »Urlaubspläne«. Ich fürchte, der »Boss« glaubt ihm kein Wort. Dann verkündet er das Urteil: Gegen eine Strafgebühr von 300 Rupien (ca. 9 DM) bekämen wir die Stempel. Wir sollten aber aufpassen, dass uns so etwas nie wieder passiert. »Unser« Officer bekommt schriftlich die Erlaubnis, [23] unsere Pässe abzustempeln, und wir sind alle samt entlassen.
Auf dem Flur atmen wir und der Officer erleichtert auf. Zurück in seinem Büro schreibt der Officer eine Kassenanweisung und drückt sie Peter in die Hand. Erst muss die Strafgebühr an der Kasse bezahlt werden. Peter und Christine machen sich auf die Suche nach der [24] Kasse, während ich warte und unsere Pässe und Flugtickets nicht aus den Augen lasse, die achtlos auf dem Tisch liegen bleiben, während der Officer sich einer jungen Australierin zuwendet, die inzwischen eingetroffen ist. Sie ist auf dem Landweg von Indien nach Nepal gekommen und hat einen Ausreisestempel in Indien, aber keinen Einreisestempel in Nepal bekommen. Die Ärmste! [25] Erst sind wir wieder an der Reihe. Der Officer benötigt Kopien unserer Reisepässe. Peter macht sich mit Christines Pass auf die Suche nach einem Kopierer. Ich habe glücklicherweise eine Kopie [26] dabei.
Für die Australierin beginnt die bekannte Prozedur mit »Why?« und »Big problem.« Schließlich bekommt auch sie zumindest das Antragsformular. Wo bleibt nur Peter?
Der Officer und ich lächeln uns verlegen an. Ich ermahne mich, ja kein Ton zu sagen. Mit Schweiß auf der Stirn kommt Peter schließlich angelaufen. Im Haus wären drei von vier Kopierern gerade außer Betrieb gewesen, keucht er.
Der Officer sammelt alle Unterlagen zusammen und sortiert sie. Erst kommen die Anträge, dann die Passagierliste, dann die Kopien der Pässe. Er überprüft noch einmal den gesamten Vorgang. Dann wird alles übereinander gelegt und zusammengeheftet. Zwei der Kopien aus den Pässen hat er quer gelegt. Damit der Vorgang ordentlich aussieht, faltet er das überstehende Ende der ersten Kopie sorgfältig, zieht die Falz von beiden Seiten mit dem Fingernagel nach und reißt das überstehende Ende vorsichtig ab. Genauso verfährt er mit der zweiten überstehenden Seite. Ich habe nie zuvor jemanden erlebt, der sich so langsam bewegt hat. Dann legt er den Vorgang rechts neben sich, holt einen Stempel aus der Schreibtischschublade und ein Stempelkissen, legt beides auf seine linke Seite, nimmt die beiden Pässe, platziert sie am oberen Ende des Schreibtisches, schlägt den ersten auf, wählt sorgfältig eine Seite aus, drückt einen Stempel in den Pass, lässt ihn antrocknen, füllt Datum der Einreise und des Stempelns aus, unterschreibt und wiederholt die Prozedur mit dem zweiten Pass. Mit strahlendem Lächeln reicht er uns die Flugtickets und die [27] Pässe.
Wir geben beides an den Mitarbeiter von S.T.S. weiter, der die letzten zwei Stunden geduldig gewartet hat und nun endlich die Trekkingpermits für die gesamte Reisegruppe beantragen kann. Als wir das Gebäude des Immigration Office verlassen haben, lachen wir erleichtert auf und knuffen uns gegenseitig. Wahre Felsbrocken sind von unseren Herzen geplumpst.
Peter hat später noch mit mehreren anderen Trekkingführern über unser Missgeschick gesprochen. Bisher hat es noch keiner erlebt, dass jemand den Flughafen von Kathmandu ohne Einreisestempel verlassen konnte. Wir haben anscheinend ein neues Kapitel in der Visa-Geschichte Nepals geschrieben.
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen – aber nur, wenn er kann! Die Fähigkeiten des Ich-Erzählers blitzen viel zu selten auf, etwa im guten (!) Wiederholen von »big problem« oder wenigen wirklich gelungenen Schilderungen! Lästige Wiederholungen und unlustige Formulierungen sowie das ermüdende Hauptsatz-Punkt-Hauptsatz-Punkt-Hauptsatz-Punkt- lassen das Lesen zunehmend zur Qual werden.
Das Versprechen der Zitat-Überschrift entpuppt sich als warme Luft, die Langsamkeit wird nur ein einziges Mal ansatzweise sprachlich gestaltet, ansonsten erinnert – vor allem auch sprachlich – viel zu viel an die berüchtigten »Mein schönstes Ferienerlebnis«-Aufsätze. Eine entscheidende Frage harrt noch ihrer Beantwortung: Was sollte überhaupt erzählt werden? Das Ereignis selber ist weder dramatisch noch ungewöhnlich, es passiert nichts Besonderes. Da es aber in einem fremden Land geschieht, könnte der Leser anlässlich dieses Ereignisses mit Menschen, Denkweisen, Lebensumständen bekannt gemacht werden, die ihm fremd sind; das verlangt von einem Autor, dass er seinem Icherzähler eine angemessene Dosis Beobachtungsgabe verabreicht, damit sie einen längeren Text hindurch anhält. Dieser Text kann immer noch eine nette und unterhaltsame Reiseerzählung werden – aber nur, wenn da noch erheblich Arbeit investiert wird. Wie sagte schon irgendsoein Schlaubauch? Von nix kommt nix! Und da hat er verdammt Recht!
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Endlich besinnt sich der Icherzähler auf seine Aufgabe und seine Qualitäten: er erzählt anschaulich, lebendig (abgesehen von den leidigen Wiederholungen, die wohl auch in diesem Absatz vorkommen müssen) von des officers Aktionen.
Verzichten könnte der Icherzähler auf seinen Kommentar, er habe noch nie jemanden gesehen, der sich so langsam bewegt habe: um Klassen eindrucksvoller wäre es gewesen, hätte er uns an dieser Langsamkeit teilhaben lassen: hat der officer vielleicht noch die Qualität der Stempelfarbe überprüft? Musste er nach den Teilen suchen? Hat er den Stempel ordentlich abgelegt oder ihn gar hingestellt? Waren seine Handlungen eher umständlich-gewissenhaft oder in Zeitlupe? Gab es Denkpausen? Was trieb der officer währenddessen: rollte er mit den Augen, runzelte er verschiedene Partien seiner Stirn? [56] zurück
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