- literaturcafe.de - http://www.literaturcafe.de -

Textkritik: Das Büffet – Lyrik

Veröffentlicht von Redaktion am 28. April 2000 @ 11:45 in Textkritik | Kommentare deaktiviert

Ein Büfett
ist schon okay,
stehst du vorne in der Menge.

Aber es ist äußerst trist,
wenn man ganz weit hinten ist
und nicht ran kommt im [1] Gedränge.

Denn du siehst die leck’ren Sachen
schnell verschwinden in den Rachen
all der vielen Menschen hier,
die im Gegensatz zum Tier,
wenn sie satt sind weiter [2] fressen
und im Saufen sich noch messen,
die sich, randvoll bis zum [3] Kragen,
endlos mästen bis ihr Magen
alles wieder von sich [4] speit
[5] und sich von dem Schmaus befreit;
doch man findet dies [6] gerecht,
weil man schließlich dafür blecht.

Auch du selbst, der du weit hinten
siehst das Festmahl schnell entschwinden
und drum geiferst Gift und Galle,
bist im Grunde wie sie alle,
bist nur leider unbesonnen,
viel zu spät dazugekommen.

© 2000 by Ulrich Selzer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.
[7] Zusammenfassende Bewertung

Wer sich mit Gedichten auch nur ein bisschen auskennt, leidet in der Regel unsäglich, wenn selbst ernannte Dichterfürsten mit zusammengestümperten endlosen Versen irgendwelche Jubilare ehren wollen: Diese Ergüsse sind in der Regel handwerklich grauenerregend schlecht, ganz zu schweigen vom Inhalt, aber die Vortragenden kommen sich Wunder weiß wie vor. Solch Gerümpel in Kurzfassung findet sich – finanziell honoriert – zu Hauf in der Regenbogenpresse, angeblich fabriziert von Hausfrau &Co.

Büffet hat den unschlagbaren Vorteil, handwerklich sauber gemacht zu sein. Die Reime stimmen, durch alle Strophen zieht sich ein einheitliches Versmaß, es hat einen Rahmen (den Standort des du) – ich kann mir durchaus Gelegenheiten vorstellen, wo es Menschen Spaß machen kann, dieses Gedicht zu hören.
Aber unbestreitbar bleibt, dass der Reim stellenweise auch dieses Gedicht unter Preisgabe des Inhalts dominiert. Das ließe sich problemlos durch zusätzlichen Arbeitsaufwand beheben (der müsste ebenfalls begradigen die allzu auffälligen Verschiebungen im Satzbau der letzten Strophe). Es würde dann ein kleines, nettes Gedicht ohne Ambitionen außer der: zu unterhalten.

[9] Die Kritik im Einzelnen

[10] zurück
[11] zurück
[12] zurück
[13] zurück
[14] zurück
Da sich man auf die Menschen bezieht, ließe es sich das erste durch sie ersetzen: doch sie finden dies (.) Eine Änderung des folgenden man geht technisch nicht so einfach, wäre aber auch nicht unbedingt notwendig; das Hauptproblem liegt jedoch ganz wo anders:
Gerecht und blecht reimen sich, als seien sie eigens dafür geschaffen; aber was ist gerecht am Kotzen? Gemeint ist doch nur, dass die Gesellschaft ihre Reiherei ganz okay findet. Das hat mit Gerechtigkeit bzw. ihrem Gegenteil nicht mal im Ansatz etwas zu tun. Hier verzerrt der Reim den Inhalt gewaltig! [15] zurück


Beitrag ausgedruckt von literaturcafe.de: http://www.literaturcafe.de

URL zum Beitrag: http://www.literaturcafe.de/textkritik-das-bueffet-lyrik/

URLs in diesem Beitrag:
[1] Gedränge: #a2
[2] fressen: #a6
[3] Kragen: #a4
[4] speit: #a8
[5] und: #a0
[6] gerecht: #b2
[7] Zusammenfassende Bewertung: #x1
[8] Bild: http://www.literaturcafe.de/info/www/delivery/ck.php?n=lcec49bfc
[9] Die Kritik im Einzelnen: #x3
[10] zurück: #a1
[11] zurück: #a5
[12] zurück: #a3
[13] zurück: #a7
[14] zurück: #a9
[15] zurück: #b1