- literaturcafe.de - http://www.literaturcafe.de -

Textkritik: Das Bild hängt schief

Veröffentlicht von Redaktion am 5. Januar 2013 @ 17:47 in Textkritik | Kommentare deaktiviert

Die Sonne schenkt ein strahlend Kleid der Erde
und breitet es auf großen Feldern [1] aus.
Der späte Raps lässt alle Fluren leuchten,
die Augen laben sich an diesem [2] Schmaus.

Der gelbe Traum, er lässt einfach nicht los.
Ich möchte hier mein Menschsein überwinden
und einfach fliegen über diesen Gründen,
die mich so locken in den gelben [3] Schoß.

© 2012 by [4] Renate Tank. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.
[5] Zusammenfassende Bewertung

Handwerklich sauber, inhaltlich schief.
Da kann jemand reimen und weiß auch mit dem Metrum umzugehen. Aber inhaltlich und sprachlich holpert es heftig – aber es ist auch schwer, noch Naturgedichte zu ersinnen, die neue Sichtweisen ermöglichen: Dieses Feld ist gründlich abgeerntet!

[6] Die Kritik im Einzelnen

Das nennt man »schiefes Bild«: Wenn die Sonne der Erde ein strahlendes Kleid schenkt, dann müsste dieses Kleid Tag und Nacht strahlen, somit gäbe es keinen Tag mehr, da es keine Nacht mehr gäbe, die Wörter hätten ihren Sinn verloren, die Erde würde ja quasi selbst zur Sonne! Nun gut, mag man einwenden: Die Erde zieht das Kleid ja gar nicht an, sondern die Sonne breitet es aus auf großen Feldern – was immer auch ein großes Feld sein mag: Sind hundert Hektar groß genug, um den Ehrentitel großes Feld verpasst zu bekommen? Ach so, groß sind sie erst ab 112 … Nun ja, da habe ich mich getäuscht! Darf es auch eine Menge kleiner Felder sein, oder haben die keinen Anspruch auf das radioaktive Kleid? Aha, keinen Anspruch … na, meinetwegen.

So viel zu dem hilflos stümpernden Adjektiv groß. Damit sind das radioaktiv verseuchte Kleid und das Geschenk aber noch nicht gerettet! Vorschlag: Belassen wir doch der Sonne ihr Strahlenkleid, man muss nicht alles neu erfinden – das Wort strahlend hingegen hat spätestens seit Fokushima eine fiese Nebenbedeutung! Wie wäre es z. B. so:

Die Sonne senkt ihr Strahlenkleid zur Erde
und breitet es mit weiten Schwüngen aus.

Bevor jemand laut meckert: Ich bin mit der zweiten Zeile überhaupt nicht zufrieden, habe aber keine Lust, mir darüber Gedanken zu machen – das Verfassen von Naturgedichten ist nicht mein Metier. Hauptsache, die großen Felder sind eliminiert! [8] zurück

Ja da schau her: Die Sonne hat ein strahlendes Kleid auf einem Dingsbums-Feld ausgebreitet, und jetzt lässt der späte Raps alle Fluren leuchten? Haben die Strahlungen des Kleides ihn etwa radioaktiv verseucht, so dass er stellvertretend zu ihm leuchten lässt alle Fluren – also alle nutzbaren Feldflächen?– Das wäre gewiss eine stattliche Menge! Warum muss es denn immer so gewaltig und groß sein? Alle Fluren? Ist 1 nicht genug? Das passiert wohl, wenn des Metrums oder des Reimes wegen gedankenlos Adjektive reingestopft werden, die halt irgendwie passen.

Jetzt wird der gute alte Augenschmaus getrennt und auf Schmaus mit laben noch einer draufgesetzt: Egal welcher Schmaus, da gehört sich laben einfach automatisch dazu, da muss nicht nochmals drauf gepocht werden. Wobei die Vorstellung von genüsslich schmatzenden Augen auch was für sich hat …

Von mir aus dürfen sich die Augen an diesem Schmaus weiden. Aber das macht die missglückte erste Strophe kaum besser. [9] zurück

[10] zurück


Beitrag ausgedruckt von literaturcafe.de: http://www.literaturcafe.de

URL zum Beitrag: http://www.literaturcafe.de/textkritik-das-bild-haengt-schief/

URLs in diesem Beitrag:
[1] aus: #b01
[2] Schmaus: #b02
[3] Schoß: #b03
[4] Renate Tank: http://www.literaturcafe.de/nachricht-autor/?ID=9911
[5] Zusammenfassende Bewertung: #x1
[6] Die Kritik im Einzelnen: #x3
[7] Bild: http://www.literaturcafe.de/info/www/delivery/ck.php?n=lcec49bfc
[8] zurück: #a01
[9] zurück: #a02
[10] zurück: #a03