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Roger Willemsen im Interview: »Wir werden den Kopf schütteln darüber, was wir alles mit unseren Daten erlaubt haben«
Veröffentlicht von Redaktion am 20. Dezember 2011 @ 14:40 in Buchmesse-Podcast 2011,Frankfurter Buchmesse 2011,Podcast,Schreiben | 2 Kommentare
Hier ist es endlich: das Gespräch mit Roger Willemsen von der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Drei neue Taschenbücher, ein Hörbuch und der Arche Musikwoche-Kalender tragen in diesem Bücherherbst den Namen Roger Willemsen. Für seine Verhältnisse ist das fast wenig. Doch Willemsen stand in den letzten Monaten gut 100 Mal mit »Die Enden der Welt« auf der Bühne.
Wie schafft man es, jeden dieser Auftritte so intensiv zu gestalten, als wäre er einmalig. Und was hat Roger Willemsen mit dem Abenteurer, Schriftsteller und Goldsucher Jack London gemeinsam? Und warum ist Facebook alles andere als ein Abenteuer? All das hören Sie in dieser Podcast-Folge.
Das alljährliche Gespräch mit Roger Willemsen auf der Frankfurter Buchmesse ist ein [1] fester Bestandteil des literaturcafe.de-Podcasts. Seit wir 2005 den Buchmesse-Podcast zum ersten Mal präsentiert haben, ist Willemsen jedes Jahr als Interviewgast mit dabei gewesen. In der ersten Ausgabe [2] legendär unterbrochen durch Reinhold Messner.
2010 fand das Gespräch erstmals nicht auf der Messe, sondern [3] hinter der Bühne des Karlsruher Tollhauses statt. Kurz danach stand Willemsen auf dieser Bühne und präsentierte sein damals gerade erschienenes Buch »Die Enden der Welt«.
Wer Roger Willemsen mit seinem Erzählprogramm live erlebt hat, der ist erstaunt, wie spontan das alles wirkt, wie gekonnt er mit dem Publikum plaudert und wie intensiv er von seinen Reiseerlebnissen berichtet, als fiele ihm all das gerade erst wieder ein. Dabei füllte er damit mittlerweile an die 100 Mal die Veranstaltungssäle.
Willemsens Rezept ist einfach: Man müsse auf der Bühne großherzig sein, denn das Publikum sei bereits großherzig gewesen, indem es eine Eintrittskarte gekauft habe und zum Veranstaltungsort gefahren sei. Außerdem müsse man nicht den Text, sondern die Situation rekapitulieren.
Ein Jahr später ist »Die Enden der Welt« schon als Taschenbuch erhältlich. Doch es sind noch zwei andere Taschenbücher bei S. Fischer erschienen, bei denen Willemsen als Herausgeber fungiert.
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Zum ist da eine Sammlung mit 14 Erzählungen von Jack London, die Willemsen zusammengestellt hat. Mit Jack London verbinden viele Menschen Alaska und den Goldrausch, vielleicht auch den Seewolf, der vielen durch die berühmte Kartoffelszene in der Verfilmung mit Raimund Harmsdorf bekannt ist.
London hatte ein bewegtes Leben und wurde doch nicht älter als 40 Jahre. Was fasziniert Roger Willemsen an Jack London? London habe seine Jugend geprägt. Sein Werk sei überwiegend nicht erfunden, sondern erfahren.
Es sei eine Art Patenschaft, sagt Willemsen, die er mit dieser Anthologie als lebender Autor für den verstorbenen Kollegen übernommen habe.
Wenn wir bei diesem Bild bleiben, dann ist William Lithgow das zweite Patenkind von Roger Willemsen. Auch Lithgow war ein Weltreisender Anfang des 17. Jahundert, wenngleich er der großen weiten Welt gegenüber eigentlich gar nicht aufgeschlossen und alles andere als gutherzig war. Und dennoch – oder gerade deswegen – findet Willemsen Lithgows Reiseberichte interessant, zumal dieser Mensch Dinge gesehen hat, die es heute nicht mehr gibt.
[6]
Wenn sich Roger Willemsen so viel mit anderen Schriftstellern beschäftigt, wäre es da nicht an der Zeit, einen Schreibratgeber zu verfassen? Schreibratschläge von Willemsen in Buchform würden ihm doch sicherlich aus den Händen gerissen werden. Als Beilage zum Jubiläumsband der Neuen Rundschau zum 125. Geburtstag des S. Fischer Verlags hat Willemsen »13 Regeln für Schriftsteller« zusammengestellt hat. Die lauten beispielsweise:
Sitzen Sie gerade. Am besten, Sie suchen auch innerlich nach einer Haltung, die noch nicht da war.
Streichen Sie die Hälfte aller spontan kommenden Adjektive, nennen Sie Cognac niemals eine »scharfe, bernsteinfarbene Flüssigkeit«, lassen Sie die Parataxen nicht schnurren wie eine Angelschnur und schon gar nicht die Vergleiche.
Seit seinem [7] Interviewbuch mit ehemaligen Guantanamo-Häftlingen fragen wir Willemsen am Schluss nach seiner Einschätzung der politischen Lage in den USA. Wie er bereits in früheren Gesprächen [8] prophezeite, hat sich unter Barack Obama wenig getan. Allein dass die von ihm angekündigte Schließung des Foltergefängnisses bis heute nicht erfolgt ist, ist kein positives Zeichen. Hinzu kommt, dass Obama als erster nicht-weißer Präsident die Abgründe seiner Tea-Party-Gegner deutlich hervortreten lässt. Und was davon in Deutschland übernommen wird, verheißt nichts Gutes. Man denke nur an die Entdeckung des »Bundestrojaners«, die während des Interview aktuell war und die jetzt – wenige Tage später – fast in Vergessenheit geraten ist.
Und dass unsere Daten und Lebensverhältnisse nicht mit Überwachungs- und Spähmethoden ausgekundschaftet werden, sondern dass wir sie via [9] Facebook und Co. auf perfide Art selbst preisgeben, auch das wird, davon ist Willemsen überzeugt, negativ auf uns zurückfallen: »Wir werden irgendwann noch mal den Kopf schütteln darüber, was wir zu dieser Zeit alles mit unseren Daten erlaubt haben«. Schon Kafka habe in seinen Romanen gezeigt, was mit einem Menschen passieren kann, der in ein solches Räderwerk gerät.
So endet das Gespräch wie so oft nicht positiv, wenngleich eines erfreulicherweise feststeht: Auf der Frankfurter Buchmesse 2012 werden sich Roger Willemsen und Wolfgang Tischer wieder zum Gespräch treffen. Dann wird Willemsen ein umfangreiches 500-Seiten-Werk präsentieren. Auch das steht bereits fest.
Und auf unser Podcast-Interview können Sie sich freuen. Viel Spaß und gute Unterhaltung beim Anhören!
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[2] legendär unterbrochen durch Reinhold Messner: http://www.literaturcafe.de/buchmesse-podcast-2005-interview-mit-roger-willemsen-special-guest-reinh
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[3] hinter der Bühne des Karlsruher Tollhauses statt: http://www.literaturcafe.de/roger-willemsen-interview-enden-der-welt-buchmesse-podcast-2010/
[4] Bild: http://www.literaturcafe.de/info/www/delivery/ck.php?n=lcec49bfc
[5] Bild: http://www.literaturcafe.de/wp-content/images/willemsen_buecher_2011.jpg
[6] Bild: http://www.literaturcafe.de/wp-content/images/willemsen_regeln.jpg
[7] Interviewbuch mit ehemaligen Guantanamo-Häftlingen: http://www.literaturcafe.de/roger-willemsen-hier-spricht-guantanamo-und-brehms-tierleben-buchmesse-p
odcast-2006/
[8] prophezeite: http://www.literaturcafe.de/roger-willemsen-interview-der-knacks-buchmesse-podcast-2008/
[9] Facebook und Co: http://www.literaturcafe.de/totalueberwachung-welche-gefahren-der-gefaellt-mir-button-von-facebook-b
irgt/
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