- literaturcafe.de - http://www.literaturcafe.de -

Rebecca Gablé und David Gray: Verlagsautorin befragt Selfpublisher

Veröffentlicht von Redaktion am 8. Januar 2013 @ 09:27 in E-Books,Literatur online,Self-Publishing | 8 Kommentare

Rebecca Gablé und David Gray (Foto Rebecca Gablé: © Olivier Favre 2011)

Rebecca Gablé und David Gray
(Foto: © Olivier Favre 2011 und privat)

Selbstverleger [1] David Gray hat unlängst fürs literaturcafe.de ein [2] Interview mit der Bestseller-Autorin Rebecca Gablé geführt.

Nun hat die Autorin den Spieß umgedreht, und sie befragt ihrerseits David Gray, welche Chancen, Möglichkeiten und Risiken er im Selfpublishing sieht.

Das Interview zeigt eines deutlich: Die vor Kurzem noch unüberwindlich erscheinende Schwelle zwischen Verlagsautoren und Selbstpublizern schrumpft durch die durchs E-Book ausgelöste Umwälzungen auf dem Buchmarkt.

Selfpublishing heißt Selbstbestimmung und selber machen

Rebecca Gablé: Wo liegen die Vorteile des Selfpublishing gegenüber der klassischen Verlagsveröffentlichung?

David Gray: Um es mit einem Wort zu sagen: [3] Selbstbestimmung. Der Autor ist frei ganz allein über Plot, Figuren, Thematik, Stil und Umfang und Cover seines Buches zu entscheiden. Das weiß man wahrscheinlich erst dann zu schätzen, wenn man selbst mit einem seiner Titel durch die »Verlagsmühlen« und die »Lektoratshöllen« gegangen ist. Zwei meiner Titel lagen und liegen immer mal wieder bei großen Publikumsverlagen, werden aber jedes Mal aus demselben Grund nicht ins Programm genommen – mit 160 bzw. 180 Seiten sind die Texte zu kurz, als dass sich eine Veröffentlichung für einen der großen Verlage lohnen würde, da der Verkaufspreis um die 7 bis 8 Euro liegen und mit umfangreicheren Titeln zum selben Preis konkurrieren müsste. So simpel das klingt, doch die Käufer greifen im Zweifelsfall eher zum dickeren Buch.

Man darf zwei weitere Aspekte dieser Frage nicht außer Acht lassen. Verlage haben Corporate Images, zu denen nicht jeder Titel passt, selbst wenn er gut geschrieben, clever geplottet und spannend oder informativ zu lesen ist.

Zweitens unterliegt der Printmarkt bestimmten Trends, die von den Lektoraten möglichst umfassend bedient werden wollen.

So manches gute Projekt mag deswegen durch die Raster der Verlage rutschen, weil es gegen den jeweils herrschenden Trend gebürstet ist.

Im Indie-Bereich fällt es leichter, zeitnah auf Trends einzugehen, da dort nach der Fertigstellung von Text, Lektorat und Cover sofort der Markt bedient werden kann.

Natürlich wäre es einfältig den Verlagen wegen der langen Vorlaufzeiten oder der Titelauswahl irgendeinen Vorwurf zu machen. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, die ihren jeweiligen Markt zu bedienen haben, um ihr Bestehen zu sichern.

Frustrierende Vorlaufzeiten

Ich muss offen eingestehen, dass mich die lange Vorlaufzeit einer Verlagsveröffentlichung besonders frustriert. Im Regelfall können eineinhalb Jahre vergehen, bis ein Buch erscheint. Das ist ein verdammt langer Zeitraum in einem Markt, der kurioserweise sehr schnelllebig ist.

Außerdem – auch wenn das jetzt als Gemeinplatz daherkommt – haben Selbstpublizierer ihre Einnahmen (abgesehen von den Steuerbehörden) mit keiner weiteren Seite zu teilen.

Wer es in die oberen Chartränge bei Amazon.de geschafft hat, der kann [4] bei einer 70-Prozent-Tantieme in einem relativ kurzen Zeitraum [5] mehrere Zehntausend Euro verdienen. Und der E-Book-Markt wächst immer noch jährlich im mindestens zweistelligen Prozentbereich.

Die etwas mageren Zahlen, die zum Wachstum und der Bedeutung des E-Book-Marktes vonseiten des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels oder von verschieden Verlagszentralen veröffentlicht wurden, weisen einen entscheidenden Haken auf: Sie beziehen die Umsätze der Indie-Titel gar nicht mit ein. Aber die haben auf dem größten Onlineshop, nämlich Amazon.de, im letzten Jahr allein über 50 % der Verkäufe ausgemacht (beurteilt anhand ihrer Präsenz in den Verkaufscharts). Es braucht keine magische Kristallkugel, um zu konstatieren, dass dieser Anteil bei anderen Shops nicht wesentlich geringer ausfiel.

Niemand kennt den Anteil der Selfpublisher am Gesamtmarkt

Rebecca Gablé: Wissen Sie, wie hoch der Anteil von Selfpublishern am E-Book-Markt ist?

David Gray: Diese Frage wird Ihnen derzeit kein Mensch beantworten können. Sicher, es existieren Zahlen dazu, doch schaut man hinter die Kulissen, stellt man fest, dass die jeweiligen Statistiken von der einen oder anderen Institution »getrimmt« worden sind, sodass sämtliche mir bekannten Aufstellungen unzuverlässig sind. Daher gebe ich einmal das ab, was man im Englischen so schön als einen »educated guess« bezeichnet. Was mich dazu »qualifiziert«, ist der schlichte Fakt, dass ich den Markt seit zwei Jahren schon aus einem gewissen Eigeninteresse heraus intensiv beobachte.

Über die letzten sechs Monate hinweg waren von den Top50 Neuerscheinungen, die bei amazon.de gelistet waren, im Durchschnitt wenigstens 30 selbstpublizierte Titel dabei. Da amazon.de auf dem deutschen E-Book-Markt einen Anteil von circa 60 Prozent hält, kann meiner Meinung nach, davon ausgegangen werden, dass [6] im E-Book-Markt derzeit die Selbstpublizierer überwiegen. Doch ist das ein »educated guess«, nicht mehr.

Grob über Daumen, Zeigefinger, Fensterkreuz und Elbwasserstand gerechnet, behaupte ich, dass der Anteil der selbstpublizierten E-Books den der Verlagsveröffentlichungen im E-Book-Markt übersteigt. Es existieren Abertausende selbstveröffentlichte E-Book-Titel, von denen keiner je Notiz nimmt, da sie niemals in irgendeiner der Toplisten sichtbar werden. Außer Freunden und Familie des jeweiligen Autors, erfährt niemand von deren Existenz.

Keine Bindung, keine Verpflichtung

Rebecca Gablé: Welche Vorteile bietet Amazon als Partner gegenüber anderen Anbietern?

David Gray: amazon.de ist darauf ausgelegt leicht bedienbar zu sein, gerade für Anfänger und Technik-Laien. Das ist ein entscheidender Teil des Amazon-Konzepts. Außerdem zahlt Amazon wahlweise 35 oder sogar 70 Prozent des Endverkaufspreises eines Titels als Tantieme aus.

Ich habe bisher noch von keinem Kollegen gehört, der größere Schwierigkeiten beim rein technischen Erstellen und der Veröffentlichung seines selbstpublizierten E-Books bei amazon.de gehabt hätte. Schwierigkeiten treten bei den Selbstverlegern eher im Bereich der Gesamtgestaltung des jeweiligen Titels im Amazon-Onlineshop auf. Stichworte: Preisgestaltung, Klappentexte oder [8] Cover.

Amazon ist im deutschen E-Book-Markt der unangefochtene Platzhirsch. Diese Tatsache sollte jedem zu denken geben, der sich mit der Idee einer Selbstveröffentlichung trägt. Was Frank Sinatra über New York behauptete, trifft für E-Books und Amazon genauso zu: » If you make it there / You’ll make it everywhere«.

Und amazon.de bietet einen weiteren Vorteil: Der Autor geht keinerlei Verpflichtung in Bezug auf die Buchrechte und das Copyright mit Amazon ein. Die bleiben in vollem Umfang bei ihm selbst. Amazon fungiert einzig als Vertriebspartner. Was man denen zuzusichern hat, ist, dass sowohl die Rechte am Cover, wie auch das am Text beim Autor liegen. Sollte der Autor irgendwann sein Buch doch einem Verlag anbieten wollen, wird Amazon ihm nicht im Wege stehen. Zudem existiert keine Mindestlaufzeit – ist der Titel erst einmal bei amazon.de eingestellt, bleibt er dort grundsätzlich so lange gelistet, wie es dem Autor gefällt.

Was trotz der Vorteile gern übersehen wird, ist, dass Amazons Konzept nicht einzig auf die Autoren ausgerichtet ist, so leicht und praktikabel Veröffentlichungen zu bewerkstelligen sein mögen. Amazon möchte auf dem deutschen Markt derzeit vor allem seine [9] Kindle-Reader unters Volk bringen. Und um dies zu bewerkstelligen, sorgt man durch clevere Konzepte und kluge Algorithmen dafür, dass die Besitzer eines Kindle-Lesegerätes ein bequemes und kundenfreundliches Einkaufserlebnis erwartet.

Das entscheidende Mittel, den Kunden an Amazons Kindle-Reader zu fesseln, besteht im [10] KDP-Select-Programm. Es erlaubt Autoren und Verlagen, für bestimmte Zeiträume ihre Bücher kostenfrei auf Amazons Webseite anzubieten, sodass der Besitzer von Kindle-Geräten und Kindle-Apps jederzeit gratis E-Books runterladen kann. Das hat den Markt auf Amazons Websites stetig schneller und für die Autoren härter gemacht. Nicht Rezensionen, Cover, Plot oder Schreibstil eines E-Books allein bestimmen bei amazon.de über den Charterfolg, sondern jener Algorithmus, der im Softwarehintergrund des Shops erkundet »Wer jenes Buch kaufte, der kaufte auch dieses«.

Ein Algorithmus ist zunächst neutral. Er wird stur seinen festgelegten Parametern folgen, sodass sich neben tollen selbstpublizierten Titeln auch jede Menge an eher zweit- oder drittrangigen E-Books für einige Zeit im oberen Chartbereich zu halten vermag.

Rebecca Gablé: Welche Möglichkeiten gibt es, für eine Eigenveröffentlichung im Bereich E-Book Marketing zu machen und selber aktiv für das Buch zu werben?

David Gray: Das wahre Pfund besteht in der möglichst breiten Sichtbarkeit eines Titels. Grundsätzlich werden Firmen und Institutionen, bei denen Verlage ihre Anzeigen schalten, auch dem Marketingbudget von Selbstpublizierern aufgeschlossen gegenüberstehen.

Ist das Marketingbudget für einen selbstpublizierten Titel hoch genug, könnten Sie auch als Selbstpublizierer locker mit der Sichtbarkeit von Verlagstiteln mithalten. Nur gebe ich zu, dass ich bisher noch von keinem Selbstpublizierer gehört habe, dem solch hohe Marketingmittel für seine Titel zur Verfügung stünden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Eine wirklich effektiv sichtbare Werbeanzeige auf SPIEGEL online kostet mehrere Tausend Euro, und zwar für die Dauer einer Woche. Bei anderen Magazinen sehen die Zahlen ähnlich aus.

Niemand wartet auf Newcomer

Generell ist es so, dass keiner auf irgendeinen selbstpublizierten Titel eines Newcomer-Autors wartet. Alle aufgebauschten Aschenputtelstorys à la »Von der unbedarften McDonald‘s Burgerschwenkerin zur E-Book-Auflagenmillionärin« sind genau das – bloß Storys, moderne Märchen.

Schaut man genauer hin, wird man feststellen, dass jeder Kollege und jede Kollegin, die einen längerfristigen Erfolg als Selbstpublizierer hat, auch die grundsätzlichen Bedingungen erfüllt, die an Verlagsautoren gestellt werden.

Drittklassiges mag seine Chance durch einen neutralen Algorithmus genauso bekommen, wie gute Titel. Doch sich länger, als die berühmt–berüchtigten 15 Minuten ruhmreich an der Spitze der Top-Charts zu halten, gelingt nur denjenigen, die den Markt mit einem ausgewogenen Produkt bedienen können, auf das sich mittelfristig eine loyale Fanbase aufbauen lässt.

Dieses ausgewogene Produkt setzt sich zusammen aus dem Image der Autorin oder des Autoren und seinen Titeln. Zu den entscheidenden Parametern jenes ausgewogenen Produktes zählt die Fähigkeit, rasch Titel auf Titel folgen zu lassen, derzeit gerne in Form von Buchserien.

Das bedeutet für Indie-Autoren, dass sie schreiben, schreiben, schreiben müssen, um sich am Markt halten zu können. Hinzu kommt der Zeitaufwand für die Organisation von Covergestaltung, Lektoraten, Korrektoraten und Marketing.

Wer dies zumindest für einen gewissen Zeitraum nicht als Vollzeitjob begreift, wird weder kurzfristig noch langfristig einen Fuß in den E-Book-Markt bekommen können. Wobei auch hier wenige Ausnahmen die Regel bestätigen. Fest steht, dass sich der E-Book-Markt in rasender Geschwindigkeit professionalisiert und diese Ausnahmen seltener werden.

E-Books sind digitale Medien und werden über das Internet verkauft. Präsenz in Printmedien hilft, steht aber als verkaufsfördernder Faktor hinter der Onlinepräsenz zurück. Online genügt der Klick auf einen Link, um zum Produkt zu kommen, ein zweiter, um es zu erweben. Bei Printmedien oder Fernsehen ist der Kaufvorgang wesentlich komplexer. König Kunde mag die kurzen Wege. Printwerbung, sei es in Form von redaktionellen Beiträgen oder gar Werbeanzeigen, kann für E-Books nur ein untergeordnetes Werbemittel darstellen. Ein Beitrag mit Link auf der Webseite eines bekannten Magazins oder einer regionalen und überregionalen Zeitung, wirkt für den Verkauf von E-Books, wie ein Dopingmittel auf einen Leistungssportler.

Bücherblogs sind gute Multiplikatoren

Das meistgebrauchte und effektive Mittel zur Popularisierung eines Indie-Buchs bzw. Indie-Autors sind Bücherblogs. Es gibt Hunderte davon, viele werden mit einem unglaublichen Eifer betrieben und bedient. Zwar herrschen auch dort die Verlagspublikationen vor, aber viele der Blogbetreiber haben längst ihre Scheu vor den Indie-»Schmuddelkindern« verloren und sind bereit, ihnen eine Chance zu geben. Geizig sollte man als Indie mit seinen Rezensionsexemplaren nicht sein und am besten von vornherein seinen Titel in den geläufigsten beiden Dateiformen vorbereitet haben, das wäre einmal als PDF-Datei und zum anderen im EPUB-Format. Je mehr man davon unter die Blogbetreiber und an die Rezensenten verteilt, umso besser stehen die Chancen, mit seinem Indie-Titel besprochen zu werden.

Wichtiger werden Communitys wie [11] lovelybooks.de oder [12] goodreads.com. Obwohl man anmerken muss, dass es unmöglich zu sagen ist, wie lange Lovelybooks Indie-Autoren noch eine kostenlose Präsenz auf seiner Site gewährt. Aber Websites wie lovelybooks.de werden zunehmend Konkurrenz am Markt bekommen, daher dürften die Möglichkeiten, sich auf Community-Sites durch Leserunden oder das Verteilen von Rezensionsexemplaren einen Namen zu machen, in Zukunft eher noch wachsen.

Ob [13] Facebook in Zukunft noch ein effektives Mittel zur Werbung darstellt, wage ich zu bezweifeln. Als »ausgelagerte Pressestelle« und kostengünstiges Mittel, den direkten Leserkontakt zu halten, ist Facebook für Indies derzeit immer noch unschlagbar.

Lesen Sie weiter im Teil 2:
[14] Warum einige Servicedienstleister nicht mehr als die zeitgemäße Form der Zuschussverlage sind und warum das Urheberrecht ein Verteilungskampf ist

[15] « Zum Teil 1 des Interviews

Rebecca Gablé und David Gray (Foto Rebecca Gablé: © Olivier Favre 2011)

Rebecca Gablé und David Gray
(Foto: © Olivier Favre 2011 und privat)

Rebecca Gablé: Was leisten Amazon oder andere Anbieter für Marketing und Vertrieb?

David Gray: Eigentlich gar nichts oder jede Menge. Was amazon.de für die Neulinge unter den Indie-Autoren leistet, ist schlicht und ergreifend, das Buch zu konvertieren, es im Katalog zu listen und zum Verkauf auf seiner Webseite bereitzustellen.

Hat man es mit dem eigenen Titel in die jeweiligen amazon.de-Charts geschafft, leistet Amazon eine ganze Menge allein dadurch, dass der Titel sichtbar wird und durch den Empfehlungsalgorithmus von Amazon neuen Kunden empfohlen wird.

Richtige Schlagworte sind wichtig

Zudem sollte man nicht unterschätzen, wie wichtig die Schlagworte sind, unter denen man seinen Titel bei Amazon listen kann. Eine clevere Auswahl dieser Schlagworte ist entscheidend für den Erfolg.

Zwar wird bei Amazon gern die sogenannte Autorenprofilseite als Marketinginstrument angepriesen, doch kann die so toll sein, wie sie will – ist kein Buch des Autors in den Charts vertreten, wirft kaum ein Mensch einen Blick auf die entsprechende Autorenprofilseite.

Andere Anbieter wie [16] Libreka oder [17] iTunes/iBooks fahren ein Konzept, das für Autoren weniger praktikabel ist. Um mit seinem E-Book in [18] Apples iBooks-Store gelistet zu werden, braucht man derzeit immer noch einen Dienstleister. Und der wird in aller Regel Geld kosten.

Einige Servicedienstleister sind nur die zeitgemäße Form der Zuschussverlage

Einige dieser Servicedienstleister sind weiter nichts, als eine zeitgemäßere Form des [19] Zuschussverlages. Außer der Listung der Titel in den wichtigen Onlineshops wird nichts Nennenswertes für Werbung oder Marketing einzelner Autoren getan, obwohl gerade dies in den Werbeanzeigen und auf der jeweiligen Website des Anbieters gerne besonders hervorgehoben wird.

Diese Servicedienstleister warten in bestimmten Fällen noch mit einer weiteren versteckten Falle für den unbedarften Autor auf.

Durch geschickte Formulierungen in ihren Verträgen sichern sie sich einen Anteil an den Rechten. Konkret bedeutet dies: sollte das Buch erfolgreich sein, und den Sprung vom E-Book in den Printmarkt schaffen, dann verdient bei allen weiteren Vermarktungsformen der Servicedienstleister noch einmal kräftig mit.

Und das, obwohl diese Firmen außer der Listung der Bücher in den einschlägigen Onlineshops absolut nichts zu deren Verkaufserfolg beitragen. Den zu bewerkstelligen, bleibt dem Autor überlassen.

Rebecca Gablé: Worin liegen die Gefahren bzw. Nachteile des Selfpublishing?

David Gray: Die Gefahren liegen darin, dass die Leser zunehmend erwarten, dass ihnen jederzeit alles auf Knopfdruck zur Verfügung steht. Ist das nicht der Fall, dann gibt es genug ähnliche Produkte, auf die zurückgegriffen werden kann und die gerade verfügbar sind. Mit anderen Worten: Die größte »Gefahr« besteht in der deutlich verkürzten Aufmerksamkeitsspanne für einen Titel.

Wir stehen am Anfang tiefgreifender Veränderungen

Legt man den Begriff »Gefahr« großzügig aus, dann stehen wir gerade erst am Anfang von tiefgreifenden Veränderungen im Buchgeschäft. Denn wie das Filmgeschäft ab Mitte der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts die Literatur beeinflusste – Stichworte: schnelle Schnitte/Szenenwechsel/verschiedene Erzählperspektiven –, so wird das rund um die Uhr für wenig Geld verfügbare E-Book das Verlags- und Autorengeschäft beeinflussen.

Ich bin überzeugt davon, dass sich die Genre-Nischen weiter auffächern werden, aber dass trotz dieses Phänomens dennoch jedes literarische Töpfchen sein Deckelchen findet. Auch wird sich im Zuge dieser Entwicklung die Bandbreite der Texte erweitern, die im Netz (oder besser: netznah auf elektronischen Geräten) konsumiert werden.

Shortstorys, Kammerspiele, Essays, Apercus und Aphorismen – all das erlebt längst im Netz eine Renaissance. Übrigens so gut wie unbeachtet vom Feuilleton.

Diese Tendenz zum schnell zu konsumierenden »Fast Food«-Lesestoff wird sich in den folgenden Jahren noch verstärken. Was aber nicht gleich das Ende des Abendlandes bedeuten muss.

Durch die Auffächerung von Nischen wird zunehmend komplexe, »anspruchsvolle« und gegen den Mainstream-Strich gebürstete Literatur ihre Leser finden. Und, wie ich – vielleicht zu optimistisch – glaube: es werden sogar noch mehr Leser sein, als bisher. Für den großen Buchkulturkater besteht meiner Meinung nach kein Anlass.

Mittelfristig ist damit zu rechnen, dass Printbücher deutlich teurer werden. Ganz gleich ob Paperback oder Hardcover.

Die Verlage werden nach einer gewissen Konzentrationsphase (siehe: Penguin/Random-House-Fusion) wahrscheinlich wesentlich weniger Titel drucken. Der Leser wird durch E-Books zu befriedigen sein, die nicht nur billiger herzustellen, sondern kostengünstiger über die eigenen Buchplattformen, Community- und Verlagswebsites zu bewerben sind.

Kostenlose E-Books sind eine klare akute Bedrohung

Rebecca Gablé: Bedrohen die kostenlosen oder fast kostenlosen E-Books solche Autoren, die versuchen, mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt zu verdienen?

David Gray: Ja, diese kostenlosen E-Books stellen eine, wie es im Juristendeutsch heißt, klare akute Bedrohung dar – hauptsächlich für diejenigen, die vor der rasanten Entwicklung im Lese- und Buchmarkt die Augen verschließen.

Mit anderen Worten: Wer in nächster Zukunft im Netz keine Rolle spielt, der wird auch im realen, nicht virtuellen Leben keine mehr spielen.

Doch dass wir Geschichtenerzähler uns um unsere Zukunft sorgen müssten, das bezweifle ich doch sehr. »History may be a haunted house, as W. H. Auden once said, but it’s haunted by stories, novels, myth.« Diese Storys, Romane, Ideen und Mythen benötigen Erzähler, die sie zum Leben erwecken. Wir Schreiber und Erzähler werden immer ein Feuer finden, an dem man uns willkommen heißt, und uns auffordert, unserer Leidenschaft zum Erzählen und Fabulieren zu frönen. Man wird uns dafür auch immer ein Schälchen Reis offerieren. (Bei einigen mag das dann größer ausfallen, als bei anderen. Aber auch das wäre nun alles andere als neu, oder?)

Die Form der Verbreitung von Geschichten wird sich ändern, aber tut sie dies seit Anbeginn der Zeiten nicht regelmäßig?

Kurzfristig wird interessant sein zu sehen, wie sich sogenannte Flatrates auswirken werden, bei denen Pakete von Büchern, Videos, Computerspielen für einen geringen monatlichen Betrag angeboten werden. Das könnte eine Entwicklung sein, die vielen im Geschäft – sowohl Indies, als auch kleineren Verlagen – Kopfzerbrechen bereitet.

Als Fazit und Gebrauchsanweisung für eine nebelhafte Zukunft kann ich jedem neuen Kollegen konkret raten – sich von Beginn an darauf einzustellen, seine Sachen selbst vermarkten zu müssen. Ganz egal, ob er oder sie das dann mit dem Rückenwind eines Medienkonzerns tut oder sein Buchmarketing vom ersten Moment an auf sich gestellt zu bewerkstelligen hat.

Der Anteil der begnadeten Selbstdarsteller im Buchgeschäft wird höher werden. Sicher werden sich mittelfristig die Grenzen zwischen Schauspielerei, DJ, VJ und Autor weiter verwischen. Einfach aus seinen Texten vorzulesen, wird in einer zunehmend von bunten Bildchen, Videoschnipseln und Musik angereicherten Welt bald nicht mehr ausreichen.

Urheberrecht ist Verteilungskampf

Rebecca Gablé: Wenn Sie eine Prognose abgeben sollten: Wie wird Ihrer Ansicht nach die Zukunft des Urheberrechts aussehen?

David Gray: Beim Urheberrecht erleben wir nach einer langen Ruhephase einen [20] erneuten Ausbruch von Verteilungskämpfen. Genau dies stellt der »Urheberechtsstreit« in Wahrheit dar.

Der schlimmste Fall besteht in einer Machterweiterung der Suchmaschinenbetreiber, die nicht zögern werden, das Netz aufgrund ihrer Suchalgorithmen noch weiter in gefällige Schubladen aufzuteilen, wie man das aktuell mit der xxx Adresse für pornografische Inhalte bereits versucht. Ist das gelungen, wird es deutlich höhere Kosten verursachen, sich sein Plätzchen im virtuellen Kästchen zu sichern.

Ein Aspekt dieses Worst-Case-Szenarios könnte in einer merklichen Verkürzung des Copyrights bestehen. Denn die Dynamik der Diskussion ums Urheberrecht wird nicht von Rechteverwertern wie Verlagen oder Medienfirmen vorgegeben, sondern von Google und anderen Suchmaschinenbetreibern. Diese Konzerne unterliegen nicht nur US-Recht, sie identifizieren sich zuerst und vor allem mit US-Kultur und aktuell gängiger US-Moral. Was für uns in Europa in einer Art »weichen Zensur« enden könnte. Wer mit seinem Namen bzw. Produkt bei Google nur auf der dritten Suchergebnisseite landet, der ist angesichts der sich verkürzenden Aufmerksamkeitsspannen der User nicht mehr existent. Ein Leichtes also für Google, kulturell, geschäftlich oder politisch unliebsame Ergebnisse »verschwinden« zu lassen. Ein Leichtes auch für Google, den Medienkonzernen und Rechteverwertern im Bezug aufs Urheberrecht, Vertragsbedingungen aufzupressen. Man darf nicht darauf hoffen, dass Konzerne auf Grundrechte oder bürgerlichen Freiheiten Rücksicht nehmen.

Aber – und das ist die gute Nachricht – dieser Verteilungskampf wird – gerade weil er von den veränderten Bedingungen im Internet diktiert wird – auch durch das Internet geführt werden und seine eigene Dynamik erhalten. Diese Dynamik bietet Chancen für überraschende Wendungen.


Beitrag ausgedruckt von literaturcafe.de: http://www.literaturcafe.de

URL zum Beitrag: http://www.literaturcafe.de/rebecca-gabl-und-david-gray-verlagsautorin-befragt-selfpublisher/

URLs in diesem Beitrag:
[1] David Gray: http://david-gray.blogspot.de/
[2] Interview mit der Bestseller-Autorin Rebecca Gablé geführt: http://www.literaturcafe.de/bestsellerautorin-rebecca-gable-interview/
[3] Selbstbestimmung: http://www.literaturcafe.de/e-books-selbst-verlegen-stolperfallen-und-denkfallen/
[4] bei einer 70-Prozent-Tantieme: http://www.literaturcafe.de/amazon-kindle-10-tipps-wie-sie-ihr-eigenes-e-book-veroeffentlichen/
[5] mehrere Zehntausend Euro verdienen: http://www.literaturcafe.de/e-book-autor-xander-morus-reichtumstraeume-sind-erst-mal-verschoben/
[6] im E-Book-Markt derzeit die Selbstpublizierer überwiegen: http://www.literaturcafe.de/selfpublishing-vortrag-verlage/
[7] Bild: http://www.literaturcafe.de/info/www/delivery/ck.php?n=lcec49bfc
[8] Cover: http://www.literaturcafe.de/buchumschlag-die-16-beliebtesten-gestaltungsfehler-von-selbstverlegern/
[9] Kindle-Reader : http://www.literaturcafe.de/kindle-paperwhite-im-ausfuehrlichen-test-amazons-bester/
[10] KDP-Select-Programm: http://www.literaturcafe.de/amazons-startet-e-book-verleih-in-deutschland-was-aendert-sich-fuer-self
publisher-und-leser/

[11] lovelybooks.de: http://www.lovelybooks.de/
[12] goodreads.com: http://www.goodreads.com/
[13] Facebook: http://www.literaturcafe.de/totalueberwachung-welche-gefahren-der-gefaellt-mir-button-von-facebook-b
irgt/

[14] Warum einige Servicedienstleister nicht mehr als die zeitgemäße Form der Zuschussverlage sind und warum das Urheberrecht ein Verteilungskampf ist : http://www.literaturcafe.de/rebecca-gabl-und-david-gray-verlagsautorin-befragt-selfpublisher/2/
[15] « Zum Teil 1 des Interviews: http://www.literaturcafe.de/rebecca-gabl-und-david-gray-verlagsautorin-befragt-selfpublisher/
[16] Libreka: http://www.libreka.de/
[17] iTunes/iBooks: http://clk.tradedoubler.com/click?p=23761&a=1844646&url=https%3A%2F%2Fitunes.apple.com%2Fde%
2Fapp%2Fibooks%2Fid364709193%3Fmt%3D8%26uo%3D4%26partnerId%3D2003

[18] Apples iBooks-Store: http://www.literaturcafe.de/apples-ibooks-10-tipps-und-warnungen-fuers-lesen-auf-dem-iphone/
[19] Zuschussverlages: http://www.literaturcafe.de/auf-einen-zuschussverlag-reinfallen/
[20] erneuten Ausbruch von Verteilungskämpfen: http://www.literaturcafe.de/urheberrecht-schirach-heult-und-mattusek-wirft-die-atombombe/